Prof. Dr. Gerhard Treutlein

Prof. Dr. Gerhard Treutlein


Prof. Dr. Gerhard Treutlein (*1940 in Heidelberg) hat als Sportpädagoge an der PH Heidelberg gearbeitet. Er gilt als Kenner der Doping-Szene in Deutschland. Der emeritierte Professor der Pädagogischen Hochschule (PH) ist zwar nicht so prominent wie der Heidelberger Doping-Jäger Werner Franke, doch das ist ihm ganz recht so. Das schützt seine Informanten. Gerhard Treutlein wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit dem DOSB-Ethikpreis 2016 ausgezeichnet. Damit wird gewürdigt, dass er vor allem den Schutz der Jugend vor Doping und dessen gesundheitlichen Folgen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

"Wann hat man schon Gelegenheit, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?", sagte sich Treutlein und stimmte seiner Ehrung zu, auch wenn ihn das ein bisschen Überwindung gekostet hat. Schließlich sei die DOSB-Haltung beim Doping nicht ganz eindeutig. Er hat den Eltern gestern Abend also gesagt, dass sie ihre Kinder zum Leistungssport schicken sollen, weil das auch die Persönlichkeitsentwicklung fördert. Aber: Sie sollen genau hinschauen und ihre Kinder vorbereiten, damit sie entsprechende Angebote von "unterstützenden Mitteln" ablehnen. Und ihnen sagen, dass sie ihre natürlichen Grenzen nicht überschreiten und Regeln im Sport einzuhalten sind.

In seinem im Jahr 2007 an der Heidelberger PH angesiedelten Zentrum für Doping-Prävention geht es vor allem darum, jungen Leuten Materialien an die Hand zu geben und sie zu Botschaftern in ihren Peer-Groups zu machen. Denn dort lassen sich Jugendliche beeinflussen, "anders, als wenn ein alter Mann wie ich was sagt". In seiner Laufbahn als Sportler, Trainer und Wissenschaftler hat Dr. Gerhard Treutlein einiges gesehen. Er weiß, wie Athleten in eine Doping-Karriere hineinschlittern, aus Gruppendruck und weil im Verein Leistungsziele vereinbart wurden. Er weiß, dass viele Sportfunktionäre nichts dabei finden, wenn so Rekorde erzielt und Medaillen gewonnen werden. Lässt man den Namen eines ehemaligen oder gar aktuellen Sportfunktionärs fallen, dann sagt Treutlein: "Das ist einer der größten Heuchler überhaupt!", oder: "Über den kann man eigentlich nur Böses sagen." Wer sich wirklich gegen Doping einsetze, lebe gefährlich, weiß Treutlein aus eigener Erfahrung. 

Es ist extrem unterhaltsam, wenn Treutlein seine Doping-Geschichten auspackt. Wie ein Athlet des USC Heidelberg in den frühen 1960er Jahren aus Los Angeles zurückkam, wo ihm sein Coach gesagt hatte, er sei zu schwach gebaut, und ihm Anabolika angedient hatte. Wie die ehemalige Diskuswerferin Brigitte Berendonk 1969 in ihrem "Zeit"-Artikel "Züchten wir Monster?" auf das Doping im Leistungssport aufmerksam machte. Damals hatte Treutlein selbst noch nicht das entsprechende Problembewusstsein, sagt er, und: "Auf diesem Stand sind heute noch viele."

Er selbst, der ab 1961 beim USC als Jugendtrainer arbeitete, brachte seine Athleten innerhalb von zwei Jahren auf die vordersten Plätze bei Jugendmeisterschaften. Damals wusste er nicht, wie ihm das gelingen konnte. Später brachte ihn seine Forschung zum Lehrverhalten zur Erkenntnis: Die Beziehung zu den Schülern ist das A und O. "Wenn diese gut ist, kann der Lehrer unterrichten, was er will, es kommt immer etwas an." Offensichtlich hat er die Jugendlichen schon damals fit gemacht gegen die Doping-Verführer: Einem seiner Athleten wurde bei einem Lehrgang gesagt, er sei zu schwach, er müsse seine Ernährung umstellen. Und der habe nur entgegnet: "Meine Mutter kocht gut!". Zum nächsten Lehrgang wurde der Verweigerer nicht mehr eingeladen, sein Konkurrent wurde später Weltmeister.

Treutleins Sportstudium jedenfalls war es nicht, das ihm solche Werte beibrachte. Da ging es um Leichtathletik- und Basketball-Arbeit und in der Theorie einmal um leiblich-seelische Entwicklung im Kindesalter. "Heute würden Psychologen darüber lachen", sagt er. Die Idee damals sei gewesen, dass Sport gesund sei und dass körperliche und geistige Entwicklung übereinstimmten. Vielleicht war es eher sein Elternhaus, seine Mutter, die ihn nach dem Tod ihres Ehemannes mit Gemüse aus dem Handschuhsheimer Garten ernährte - heute noch lebt er fast vegetarisch. Oder war es die evangelische Jugendgruppe, in der Sport ohne Leistungshysterie betrieben wurde?

Was Doping bedeutete, lernte Treutlein, als er 1971 in einem Forschungsprojekt des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft mitarbeitete. Da wurden Daten zur Leistungsentwicklung von westdeutschen Leichtathleten und Schwimmern verglichen. Und als er einem DDR-Sportsoziologen vor den Olympischen Spielen 1974 sagte, dass die Leistungen der Sportler nicht dem DDR-Trainingssystem, sondern vermutlich Anabolika geschuldet waren, wurde er bis zur Wende vom DDR-Inlandsgeheimdienst beobachtet.

Ein BRD-Tabu verletzte Treutlein, als er im gleichen Jahr über "Sportmedizin und Doping" schrieb (ein weiteres Buch über Doping im Westen mit seinen Beiträgen erschien 2000). "Aus heutiger Sicht absolut naiv, die wahren Spezialisten saßen woanders", sagt er. Beispielsweise in Freiburg, wo er seit 2010 Mitglied der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin ist. Oder war, weil diese sich aufgelöst hat? "Hat sie nicht", sagt Treutlein energisch. Sieben Jahre lang versucht die Kommission schon, Licht ins Dunkel um die Arbeit der Sportmediziner Armin Klümper und Joseph Keul zu bringen. Verschwundene Akten, mangelhafte Unterstützung durch die Uni, Illoyalitäten, Nebenbefunde, Rücktritte von Kommissionsmitgliedern - der Krimi um die Aufklärung ist noch nicht zu Ende.

Dass Treutlein bei seinen Archivarbeiten für die Kommission so viel saß, hat ihm gesundheitlich geschadet, sagt er, der heute an Durchblutungsstörungen leidet. Dennoch heißt es am Montag wieder "Akteneinsicht" im Stuttgarter Staatsministerium. Den Nachteilen des langen Sitzens versucht er mit Radfahren zu begegnen, am liebsten in Frankreich, wo er in jungen Jahren als Austauschlehrer in Nantes arbeitete und in den 1990er Jahren als Gastprofessor in Montpellier wirkte. Mit vielen Freunden im Nachbarland pflegt er heute noch sein gutes Französisch. Seit zwölf Jahren fungiert er auch als Vorstandsmitglied der französischen Vereinigung für Sportwissenschaft. In Sachen Doping-Bekämpfung sei Frankreich weiter als Deutschland, findet er.

(Die Vita wurde auf der Grundlage einer Würdigung von Birgit Sommer erstellt)


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